Autorin: Dr. Andrea Dreusch
Seit Ende August werden in Mecklenburg-Vorpommern ungewöhnlich viele EHEC-Infektionen registriert. Bis Mitte September waren es knapp 90 Fälle, bundesweit mehr als 100. Bei diesem Ausbruch sind auffällig viele Kinder betroffen. Bei über einem Dutzend der Erkrankten entwickelte sich ein hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS), teils mit Nierenversagen. Todesfälle blieben glücklicherweise aus.
Das Nationale Referenzzentrum identifizierte den Ausbruchsstamm als E. coli O45:H2. Dieser ist ein Stamm, der bisher in Deutschland nur selten nachgewiesen wurde. Die Keime tragen die Virulenzfaktoren stx2a und eae, die besonders schwere Krankheitsverläufe begünstigen [1, 2].
Die Quelle für den Ausbruchsstamm ist bislang allerdings immer noch unklar. Eine verdächtige Wurstprobe passte nicht zum Ausbruchsstamm [1]. Die Task-force steht vor einer großen Herausforderung: sie muss Urlaubs- und Reisemuster zurückverfolgen, was aber durch die lange Inkubationszeit (bis ~10 Tage) erschwert wird. Die Rückverfolgung wäre erheblich einfacher, wenn die Diagnostik schneller und standardisierter durchgeführt werden würde.
Ein Learning aus diesem Fall ist allerdings bereits jetzt, dass die Routine-Screenings in Rinderbeständen nicht auf E. coli O157:H7 beschränkt sein sollten. Immer häufiger geraten die Non-O157 in den Fokus. Internationale Studien mit sehr großen Stichproben (z. B. >80.000 Rinder in Kanada, PHAC/USDA-Projekte) zeigen, dass auch seltene Varianten wie O121 oder O45 in nennenswerter Prävalenz auftreten. Über Gülle, Wasser und Lebensmittelverarbeitung können die Bakterien in die Nahrungskette gelangen und zu Ausbrüchen führen. Inzwischen verursachen non-O157-STEC wie O26, O45, O103, O111, O121 oder O145 die Mehrheit der Infektionen weltweit [4]. Besonders stx2a-Subtypen sind eng mit HUS verknüpft [5]. Betriebliches Monitoring darf daher nicht nur „klassische“ O157 anpeilen, sondern muss neue Serovare und Toxinprofile integrieren.
Der Fall O45:H2 in Mecklenburg-Vorpommern ist ein erneuter Hinweis darauf, dass Lebensmittelsicherheit ein „bewegliches Ziel“ bleibt. Auch jenseits der bekannten üblichen Verdächtigen wie E. coli O157 oder Salmonella können jederzeit neue Bedrohungen auftauchen. Ausbrüche wie dieser mahnen, ständig wachsam zu bleiben und die Präventions- und Überwachungssysteme weiterzuentwickeln. Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist dabei entscheidend. EHEC verbindet Humanmedizin, Veterinärwesen und Lebensmittelindustrie zwischen denen Informationen rasch fließen sollten. Der große EHEC-Ausbruch 2011 hat gezeigt, dass z. B. der Austausch von Isolaten und Daten zwischen Kliniken, dem RKI und Lebensmittelbehörden essenziell ist, um die Quelle einzugrenzen. Heute, 14 Jahre später, sind die Netzwerke zwar ausgebaut, aber es gibt immer noch Raum für Optimierungen, sei es in der Surveillance (frühzeitiges Erkennen von Ausbruchsmustern) oder in der Schulung von Personal.
Verband für Lebensmittelsicherheit
Genau hier möchte der neue Verband für Lebensmittelsicherheit (VfLS) anknüpfen. Der VfLS e.V. wurde im September 2025 in Berlin gegründet, also zeitgleich mit dem MV-Ausbruch. Eines seiner Ziele: eine Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis zu schlagen, damit Betriebe schneller von neuesten Erkenntnissen profitieren. Der Verband will das komplexe Geflecht aus Vorschriften und Risiken verständlich aufbereiten und betriebliche Prävention stärken. Zu den Schwerpunkten zählen Aufklärung über mikrobiologische Gefahren, praxisnahe Leitfäden und sogar ein eigenes Zertifizierungssystem für kleine und mittlere Lebensmittelbetriebe. Für solche Betriebe sind GFSI-Zertifizierungen, wegen ihres Umfangs, überfordernd und in der Tiefe der Anforderungen den Risiken, die deren Tätigkeit darstellt, nicht angemessen. Hier will der VfLS mit maßgeschneiderten Lösungen ansetzen.
„Lebensmittelsicherheit ist keine statische Disziplin. Sie entwickelt sich rasant weiter“, betont Dr. Andrea Dreusch, Mikrobiologin und Mitgründerin des VfLS. Ihr Statement trifft den Kern dessen, was der aktuelle Ausbruch lehrt: Flexibilität und ständige Weiterbildung sind gefragt. Ein Verband wie der VfLS kann hier als Plattform dienen, um Erkenntnisse aus Fällen wie O45:H2 breiter zugänglich zu machen. Und er kann als Bündeler der Praxisstimmen aus dem Feld wichtige Informationen zurück in die Fachwelt spiegeln. So lassen sich Schwachstellen im System schneller identifizieren und gemeinsam lösen.
Am Ende ist die wichtigste Lehre aus Mecklenburg-Vorpommern: gut geplante Prävention, Wachsamkeit und gute Vernetzung bleiben oberstes Gebot. Nutzen wir diesen Impuls, um unsere Sicherheitssysteme agil zu halten und im Sinne des Verbraucherschutzes weiterzuentwickeln. Denn nach dem Ausbruch ist vor dem Ausbruch – und vorbereitet zu sein, ist alles.
Literatur
EFSA & ECDC. The European Union summary report on zoonoses, zoonotic agents and food-borne outbreaks. EFSA J. 2023;21(12):e8105.
Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport MV. Pressemitteilung zum EHEC-Ausbruch, 03.–05.09.2025.
Robert Koch-Institut. Epidemiologisches Bulletin Nr. 37/2025 & Nr. 38/2025. Berlin: RKI; 2025.
ZEIT Online/dpa. EHEC-Ausbruch in MV – aktueller Stand. 17.09.2025.
Conrad C, Stanford K, McAllister T, Thomas J, Reuter T. Shiga toxin-producing Escherichia coli and current trends in diagnostics. Anim Front. 2016;6(2):37-43. doi:10.2527/af.2016-0021.
Johnson KE, Thorpe CM, Sears CL. The emerging clinical importance of non-O157 Shiga toxin-producing Escherichia coli. Clin Infect Dis. 2006;43:1587-95.
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